In seiner Zeit

Friedrich Weinbrenner gehörte zu jenen Architekten, die mit ihren Entwürfen dem Geist der Aufklärung, die sich nach einem sachlichen und zugleich poetischen Ausdruck der menschlichen Bedürfnisse sehnte, ein Gesicht verleihen wollten. Doch beschränkte sich sein Beitrag zur Kultur des Klassizismus ebenso wenig auf das Bauen wie auf den badischen Staat, dem er seit 1801 als Baudirektor diente. Vielmehr übersprang er mit seinen Interessen, Fähigkeiten und Verbindungen die Grenzen seines Landes und seines Berufes und griff weit darüber hinaus in die Kultur ein. So wie ihn Aufträge für Entwürfe und Bauten auch aus anderen Ländern erreichten, verkehrte er auf Augenhöhe mit Malern, Bildhauern, Schriftstellern, Verlegern, Intellektuellen und Politikern und hinterließ in deren Werk seine Spuren. Weinbrenner, der Kunst, Bücher und Naturalien sammelte, verfaßte und veröffentlichte eigene Betrachtungen zu unterschiedlichen Themen, am häufigsten zur Archäologie, aber auch zur Entstehung der Planeten und zur Farbenlehre.

Seine Leistung in der modernen Architekturpraxis, -theorie und -verwaltung ist als Beitrag zu einem Netzwerk zu sehen, das durch viele Namen abgesteckt wird, darunter die Schriftsteller Fernow, Goethe, Hebel, von Mathisson, Posselt, Schiller, Schreiber, Voß, die Wissenschaftler Böttiger, Gmelin, Hirt, Senefelder, Tulla, die Künstler Carstens, Dannecker, Genelli, Hummel, Kalmück, Kaufmann, Langhans, Thouret, der Verleger Cotta und der Politiker Klüber. Teils lassen sich diese Verbindungen aus Weinbrenners Memoiren herauslesen, den „Denkwürdigkeiten“, teils müssen sie anderen Quellen entnommen werden.

Was mochte ihn für seine Zeitgenossen interessant gemacht haben? In einer Epoche, die Lernfähigkeit und Eigenverantwortung des Menschen entdeckte, bot Friedrich Weinbrenner ein doppeltes Vorbild: erstens mit seinem gewinnenden Naturell und seiner Neugier auf Unbekanntes und zweitens mit seiner Fähigkeit, eine selbstverständliche Formenwelt zu erschaffen, die auf die einfache ländliche Situation ebenso wie auf die repräsentative höfische anwendbar war. Diesem Beitrag Weinbrenners widmen wir uns verstärkt, denn hier ist viel Überraschendes und Wegweisendes zu entdecken.


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