Trauriger Tempel im Schloßpark

Auch wenn Karlsruhe als „Weinbrenner-Stadt“ seinen Platz im kulturellen Gedächtnis besitzt, ist von der stadtprägenden Hinterlassenschaft doch kaum noch echte Substanz vorhanden. Zu diesem Wenigen gehört der sogenannte „Tempel“ im Schloßpark. Deshalb auch ist sein Zustand alles andere als eine Marginalie. Dies sind wirklich noch Steine, die Weinbrenner hierfür vorgesehen und vermutlich auch berührt hat – wenn auch nicht an diesem Ort. Die neuesten Zeitspuren aber, verursacht durch Vandalismus und mangelnde Pflege, überlagern alle vorhergehenden: Graffiti, Brandflecken, tiefgreifende Schäden an den Holz- und Steinteilen.

Vogelhaus im Schloßpark Karlsruhe, Bild: Peter Worch

Bild: Peter Worch

So lange steht er schon im Schloßpark, daß man meint, er gehörte dorthin. Doch hatte das Tempelchen, als es im Jahr 1894 in dessen hinterem Bereich vor dem Ahagraben und dem Ahaweg aufgestellt wurde, schon ein ganzes Menschenleben hinter sich, und dies an anderer Stelle und anderer Funktion. Ursprünglich stand es auf einem nochmal so hohen Sockel über der Kriegsstraße, dort, wo die Truppen an der unbefestigten Stadt vorbeimarschierten. Anstelle einer Stadtmauer verlief hier eine malerische Kette aus Gebäuden, Zäunen und Wänden der Gärten hochgestellter Persönlichkeiten aus dem regierenden Haus, genauer der Gärten des Markgräflichen Palais’, der Markgräfin Christiane Louise und eben derjenige der Markgräfin Amalie. In letzterem wurden 1802 neben dem Haupthaus verschiedene Kleinarchitekturen nach Plänen Weinbrenners fertig- und aufgestellt. Von ihnen sah man von der Kriegsstraße aus am rechten Ende den Gotischen Turm, bis er 1873 abgerissen wurde, und am linken eben auf seinem Podest das vermeintliche Tempelchen mit seinen sechs Säulen.

Vogelhaus im Schloßpark Karlsruhe, Bild: Peter Worch

Bild: Peter Worch

Dieses allein überlebte. Daß es in Wirklichkeit ein Vogelhaus, eine gebaute Volière, war, dürfte den Vorübergehenden am Gezwitscher aufgegangen sein. Deshalb auch waren die Zwischenräume der Säulen im unteren Viertel durch Holzfüllungen und darüber durch hohe, vermutlich eher vergitterte als verglaste Sprossenfenster geschlossen. So ist es auf den Plänen zu erkennen, welche sich teils in Schülerkopien erhalten haben. Im Inneren des Sockels befand sich ein überwölbter Raum mit Sitznischen; von hier aus führte eine Wendeltreppe nach oben direkt in das Vogelhaus selbst, wo die Zeichnungen eine Art Tisch darstellen.

Bis wann es als Vogelhaus an seiner alten Lage an der Kriegsstraße wirklich unterhalten wurde, müßte eigens recherchiert werden. Noch bevor der Tempel in den Schloßpark versetzt und der Sockel abgetragen wurde, standen die Säulen bereits ganz frei und leer, wie auf Photographien festgehalten ist.

Auf eine Initiative unseres Mitgliedes Peter Worch hin ist die Friedrich-Weinbrenner-Gesellschaft in einen Dialog mit der Staatlichen Schlösser-und-Gärten-Verwaltung getreten, welche in Kürze ein Pflegewerk zum Karlsruher Schloßpark vorlegen wird und nun dem Fall des Vogelhauses Priorität einräumen will. Wir begrüßen dies, werden es weiterhin aufmerksam begleiten und haben schon einmal angedeutet, daß in unseren Augen nur eine radikale Lösung die wertvolle Bausubstanz dem Vandalismus entziehen kann. Sie könnte in einer Rekonstruktion des Sockels liegen, an diesem oder an einem anderen, vielleicht sogar dem ursprünglichen Ort, also an der Kriegstraße.


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