Weinbrenner-Schule im Kraichgau, 3: Berwangen

Eine Person hat mehr als andere zur Verbreitung von Weinbrenners Vorbildern im Kraichgau beigetragen: sein Schüler und Mitarbeiter Karl August Schwarz (1781–1853), der dort schon seit 1807 in der Bauverwaltung tätig war und ab 1820 als Bauinspektor des Pfinzkreises. Zugleich bewies er dabei seine Eigenständigkeit im Umgang mit dem Vorbild, ja Souveränität – und sogar Witz.

Seine erste Kirche war die evangelischein Berwangen (1823/24), und im Vergleich zu Weinbrenners Thomaskirche in Kleinsteinbach würde man spontan sagen: Sie wirkt einfacher. Aber diese Einfachheit ist weniger eine Reduktion von Weinbrenners Vorbild als eine Weiterentwicklung und Verdichtung. Weinbrenner hatte die hohen Rundbogenfenster immer nur an den Seiten verwendet; vermutlich erinnerten sie ihn an die römischen Basiliken, vor allem die Konstantinsbasilika in Trier, und bauten damit eine Brücke von der Antike in die Neuzeit. Schwarz verzichtete auf eine Tempelfront mit Säulen und zog stattdessen die hohen Seitenfenster auch noch auf die Eingangsseite hinüber; außerdem schrägte er hier das Dach ab und verkürzte den Turm, wodurch der Baukörper noch geschlossener wirkt. Die Anspielung an ein Haus tritt damit noch mehr in Vorder- und die an einen Tempel in den Hintergrund.

Aber besitzt die Kirche in Berwangen überhaupt eine Eingangsseite? Denn noch etwas fällt auf: Eine Eingangstür gibt es nicht nur vorne, sondern auch mittig an den Seiten und sogar hinten. Damit ergibt sich ein Achsenkreuz längs und quer durch die Kirche, wie es Weinbrenner als Richtlinie seinen Schülern beigebracht hat, damit aus deren Entwürfen immer ein Raum entsteht, in dem sich der Mensch wieder- und zurechtfindet, der ja auch dreidimensional symmetrisch aufgebaut ist. In seinem «Architektonischen Lehrbuch» zeigt er, wie ein Würfel, wenn man ihn auffaltet, ein Kreuz ergibt. Ob Schwarz damit auch die Assoziation an ein christliches Kreuz verbunden hat, werden wir wohl nicht mehr erfahren.

Im Innern jedenfalls ist ein bemerkenswerter Raum entstanden. Typisch für die Kirchen der Weinbrenner-Schule: Die über dem Altar schwebende Kanzel und die umlaufende Empore. Ungewöhnlich ist aber, dass unter ihr wie auf ihr Säulen stehen, die keinen runden oder quadratischen, sondern einen achteckigen Querschnitt haben, wie man sie nicht aus der Antike, sondern aus Kirchen des Mittelalters kennt. Hier in Berwangen kündigt sich schon die Romantik innerhalb der Weinbrenner-Schule an. Ein eigenwilliges und besonders schönes Detail ist, dass sich die Empore vor der Kanzel halbrund weitet, um dieser den nötigen Abstand zu geben. Auch dies eine Lösung, die Weinbrenner selbst nirgends umsetzte, die aber gut in die Freiräume passt, die er seinen Schülern und Mitarbeitern zugestand.

Die großartigen Fotos des Inneren stammen von Finn Hartmann, Student der Architektur in Stuttgart, die eher amateurhaften Fotos des Äusseren von uns.


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