Wenn sich Laien für Experten ausgeben …

… dann kann aus schwarz weiß werden und aus falsch richtig.
Der Marktplatz würde nach den laufenden Bauarbeiten „so nah an Weinbrenner sein wie seit 120 Jahren nicht mehr“, behauptete Karlsruhes Baubürgermeister Obert in der letzten Gemeinderatssitzung, siehe anhängender Artikel. Wie das – trotz der massiven asymmetrischen U-Bahn-Eingänge, des ortsfremden grauen Granitbelags, der Flutlichtmasten und weiteren Möblierung sowie natürlich der seit 120 Jahren grundlegenden Veränderungen und Zerstörungen der eigentlichen „Weinbrenner-Bauten“? Da stimmt doch etwas nicht, muss sich sagen, wer zwei Augen im Kopf hat.
Daß sich der Baubürgermeister auf die Denkmalpflege bezieht und deren vermeintliche oder auch reale Uneinigkeit zum Freibrief nimmt, ist bezeichnend. Denn die Denkmalpflege entscheidet nicht darüber, ob etwas historisch richtig oder falsch ist, sondern ob es den eigenen Kategorien entspricht. Kein Strohhalm wird ausgelassen, mit dem man eine falsche Argumentation stützen zu können glaubt. Die Angst vor der Geschichte muß immens sein.
Glücklicherweise gibt es auch andere Stimmen im Gemeinderat. Und immerhin rang man sich dazu durch, daß der Marktbrunnen wieder aufgestellt wird. Eine Selbstverständlichkeit? Ein Wunder? Kaum noch zu sagen; man muß mit dem Schlimmsten rechnen.
Über allem aber hängt ein Menetekel: „Wieviel Weinbrenner verträgt die Zukunft?“ Man stelle sich vor, in Berlin würde die Frage gestellt: Wieviel Schinkel verträgt die Zukunft? – und man würde dort mit den Inkunabeln der Stadtgeschichte in einer ähnlichen Weise verfahren wie hier. Dort würde das Feuilleton auf die Barrikaden gehen, und nicht nur dieses. Denn es wäre klar, daß eine Zukunft ohne Schinkel und die Reste der nach wie vor identitätsstiftenden und einfach gut funktionierenden Stadträume traurig aussähe. Die Frage müßte vielmehr lauten: „Wieviel Ignoranz verträgt unsere Kultur?“
In Karlsruhe werden gezielt solche Experten ausgeklammert, die die bestehende Stadt lesen und ein entsprechendes Wissen einbringen könnte, so in den aktuellen, halböffentlichen Gesprächen zur „Zukunftsfähigkeit der Karlsruher City als Einzelhandelsstandort 2030“, organisiert von einer Beratung- und Management-Agentur. Die Stadtplanung trifft auf Laien, ein buntes Wünschdirwas auf knallharte Zwänge. Alle vertreten ihre eigenen und eigennützigen Interessen, niemand die Sache der geschichts- und selbstbewußten Stadt. Laut der bisherigen Berichte vergewissert man sich hier gegenseitig, daß man keine erkennbare Identität braucht – außer einigen Alibi-Objekten. Das bedeutet, daß die Verstümmelung der historischen Stadtteile noch weitergehen wird.

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